Ein neuer Guppy!
Seit dem 8.September 2005 haben wir einen neuen Guppy, den Poecilia wingei, ein neuer Guppy neben der altbekannten
Guppyart, Poecilia reticulata.
Die Autoren dieser Artenbeschreibung meinen, dass in Venezuela zwei Arten von Guppys natürlich vorkommen; der
altbekannte Guppy und den, den sie Campoma-Guppy nennen. Im Rahmen der neuen Guppyart gibt es auch eine Lokalform -
der den meisten Hobbyaquaristen gut bekannten Endler-Guppy - der jetzt also auch Poecilia wingei heisst!
Der Campoma-Guppy kommt in Süsswasser in den Campoma-och Buena Vista-Lagunen bei Carupano vor.
Die korrekte Bezeichnung für die neue Art lautet also: Poecilia (Acanthophacelus) wingei n.sp.
(Poeser, Kempkes & Isbrücker 2005). Neben dieser Art, haben wir noch den altbekannten Guppy,
Poecilia (Acanthophacelus) reticulata (Peters 1859)
Allgemeines
Der Endler-Guppy ist seit (mindestens) 1937 bekannt, und wurde seitdem oftmals gefangen und nach Europa importiert.
Die meisten der in Europa vorkommenden Aquarienbestände können als Aquarienstamm bezeichnet werden, oder als
Kreuzungsprodukt mit Guppys.
Ein großer Teil der genetischen Vielfalt ist verloren gegangen, und viele der Bestände
stammen von einer Kreuzung mit Leierschwanzguppys. Hat man jedoch Tiere, die aus einem der Fänge nach 1975 stammen,
dann sollte man diese möglichst für sich halten. Sie sind, falls ungemischt, reinrassiger.
- Männchen: etwa 15mm SL
- Weibchen: etwa 20mm SL
- Wurfzahl: Bis zu 20 (selten höher), abhängig vom Ernährungszustand und Alter des Weibchens.
Der 3-5. Wurf sind die größten, dann steigt die Zahl kaum noch.
- Temperaturansprüche: 22-25°C sind optimal, zeitweilig können 21,5-27,5°C eingehalten
werden, eine Hälterung über längere Zeit wirkt sich ungünstig auf die Fische aus.
P.wingei

, Aquarienstamm
Man bekommet oft zu hören,
die Endlers sollen 27°C verlangen, aber dies kann ich nicht bestätigen. Genau wie bei den anderen Guppys
verteilen sich die Geschlechter dann anders, und die Männchen entwickeln sich auch schlechter bei Hälterung in
abweichenden (vor allem höheren) Temperaturen.
Das Wasser sollte möglichst pH-neutral sein und höchstens 10°dGH haben. Andere Werte werden nach Eingewöhnung
vertragen. Anmerkung: Die Guppys kommen natürlich in allen Gewässertypen ausser in reinem Schwarzwasser vor.
Dieser Guppy (sowie alle Wildformen) verträgt Temperaturschwankungen viel schlechter als Schwankungen des pH-Wertes
oder des Härtegrades. Trotzdem empfiehlt sich im Winter eine um einige Grade kältere Hälterungstemperatur, und
kühlere Nachttemperaturen sind gesundheitsfördernd.
Man gibt den Endlers viele unterschiedliche Futtersorten in mundgerechter Größe: Frostfutter, Artemiennauplien,
Artemien, Erbsen, Flockenfutter (Mischkost oder Spirulina-basiert), Grindalwürmer, Mikrowürmchen, Enchyträen usw.
Gibt man den Guppys nur algenbasiertes Futter, wird das Flossenwachstum gefördert, also nicht unbedingt günstig
für die Endlers. Die Jungen werden einfach mit Artemiennauplien (oder Ersatzfutter) oder zerriebenem Flockenfutter
aufgezogen.
Abgrenzung zu anderen Arten
Man hat sich verschiedener Vergleichskriterien bedient, um festzustellen, dass es sich um eine neue Art handelt:
Unterschiede bei der Musterung, bei der Balz und andere Umstände, die mit der geographischen Verbreitung zusammenhängen.
Es ist nämlich so, meinen mehrere Autoren (beispielsweise Brown & Wilson 1956), dass wenn
zwei verschiedene Arten aufeinandertreffen und Seite an Seite leben, sie Aussehensmerkmale ausbilden, die sie mehr als
sonst voneinander unterscheiden. Dies kann sich auch auf das Verhalten bei der Balz beziehen. Solche Unterschiede
sind auch bei mehreren anderen Arten von Lebendgebärenden festgestellt worden (Rivas 1982,
Poeser 1995, Gabor & Ryan 2001).
Nach Brown & Wilson zeigen Populationen, die weiter
von einander entfernt leben, weniger dieser unterscheidenden Merkmale, oder sie fehlen ganz und gar.
Die konservierten Weibchen (des Campoma-Guppys) unterscheideten sich in keiner Weise von den normalen Guppyweibchen,
P.wingei

, Aquarienstamm
aber die Männchen dagegen unterschieden sich von den Guppymännchen. Auf lebendigen Exemplaren kann man jedoch bei
den Weibchen der neuen Art und bei den Endlerweibchen einen hellen, metallischen Schimmer feststellen. Bei mässiger
Beleuchtung entdeckt man diese Weibchen sofort! Die Autoren
Poeser,
Kempkes &
Isbrücker betonen den, im Vergleich zu den
altbekannten Guppys, stark ausgeprägten Metallic-Schimmer (an der Musterung). Sie meinen, dass beispielsweise der
Guppy aus Orinoco diesen Schimmer nur rund um schwarze Farbflecke zeigt. Bei Poecilia wingei soll dieser Schimmer
also in allen Farben vorliegen, also "Metallic" soll in allen Farbtönen vorkommen.
Prof. John Endler hat einst die Aussage gemacht, dass 20% der Tiere im ursprünglichen Fang schwarze Brustflossen
hatten, was ihnen ein wenig Wagtail-Aussehen verlieh - eine bekannte Zuchtform bei anderen lebendgebärenden Arten.
Auch bei Poecilia wingei kann man etwas Ähnliches vorfinden: Das Typusexemplar wird mit einer oberen und unteren
schwarzen Flossenbegrenzung beschrieben, sowie mit einem gewissen Fleckenmuster im Bereich dazwischen. In der
Artenbeschreibung macht man auch die Angabe, dass Wildfänge schwarze oder rote Begrenzungen der Schwanzflosse,
entweder oben, unten oder an beiden Stellen hatten, sowie ein bräunliches, von der Schwanzflossenwurzel ausgehendes
Farbfeld. Ausserdem sagen die Autoren über andere Exemplare der Art, dass Fleckenmuster nicht vorkommen, aber
dagegen Farbbalken auf den Körperseiten, von den Gonopodien unten bis oben zu der Rückenflosse hinaufgehend.
Verhaltensunterschiede
In Bezugnahme auf Freilandbeobachtungen, unternommen in einer einzigen Lokalität in Venezuela während einiger Tage
im Juli 2002, meinen Poeser und Kempkes, dass das
Balzverhalten des Campoma-Guppys sich von dem des altbekannten Guppys unterscheidet, und dass es einen kürzeren
Zeitraum in Anspruch nimmt.
Die Verfasser liefern eine ausführliche Beschreibung der Balz und den hiermit verbundenen Umständen. Zusammenfassend
kann man sagen, dass die einleitende Phase der Balz kürzer ist, aber der Schluss länger währt, im Vergleich zu den
des altbekannten Guppys. Die ruckartigen, mehrere Zentimeter langen Rückwärtssprünge, die das Guppymännchen
unternimmt, wenn es die Sigmoidal-Position einnimmt, können (im Allgemeinen) nicht bei dem Campoma-Guppy beobachtet
werden.
In meinen Aquarien kann man sehr gut erkennen, wie die Endlermännchen sich ihren Weibchen von vorne nähern, nachdem
sie diese eine Weile von der Seite beobachtet haben, zunächst also ohne Kontaktversuche. Danach schwimmen die
Männchen regelrechte Umwege im dschungelähnlichen Gewächs meiner Aquarien, bis sie ihr "Zielweibchen"
wiedergefunden haben, mit dem direkten Ziel, mit ihr einen "Gesicht-zu-Gesicht"-Kontakt aufzunehmen.
Hier kann ich hinzufügen, es verhält sich auf gleiche Weise mit den Endlers, die ich während 5 Jahren in Aquarien
in Sichtweite von Hochzuchtguppys gehalten habe, wie auch mit den Endlers, die ich gleich lange außer Sichtweite
gehalten habe. Ich habe auch nie jemals während all den Jahren einen Rückwärtssprung bei den Wildformen aus
naheliegenden Gegenden herstammend, gesehen. Also kann ich in diesen Punkten die Freilandbeobachtungen der Autoren
bestätigen.
Auszug eines Artikels auf Schwedisch aus dem "Schwedischen Guppybrief"